Alter schützt vor Liebe nicht

Die Autotür öffnete sich und ein schwarzer glänzender Gehstock, der von einer faltigen Hand festgehalten wurde, berührte den Boden.
Behutsam und elegant stieg eine kleine zarte Dame schwarz gekleidet, nach schwerem Parfüm duftend aus der grossen Limousine.
Die unzähligen Fältchen um ihre Augen waren das Zeichen einer humorvollen Frau, die gerne lachte.
Sie wandte mir ihr zart geschminktes Gesicht zu, das die einstige Schönheit und Eleganz immer noch erahnen liess.
Ihr weisses Haar glich den Wolken, die sich über uns gemütlich tummelten und mit klaren blauen Augen schaute sie mich freundlich an und nickte mir zu.
 Dabei bewegte sich ihr perfektes weisses Haar, das mich an die Wolken über uns erinnerte.
Eine warme Hand streckte sich mir entgegen und mit einer tiefen Stimme, die gar nicht zu der zarten Person passte, stellte sie sich mir vor: «Ich bin die Tante, aber nennen Sie mich einfach Clothilde.»
Mit einer Handbewegung – fast wie eine Königin winkte sie ihren Begleiter heran, um auch ihn mir vorzustellen.
«Das ist mein Freund Herold.» Sie kicherte, wie ein Junges und ihre Augen lagen voller Zuneigung auf Herold.
Herold, ein ebenfalls elegant gekleideter Gentleman, reichte mir seine Hand und nickte mir zu.
Auch seine Augen ruhten voller Liebe auf seiner Partnerin.
Jetzt war natürlich meine Schriftstellerseele wachgerüttelt und ich versuchte in den wenigen Minuten ihre Liebesgeschichte herauszufinden.
Nach meiner Frage, wie lange sie sich kennen würden, erzählte mir Clothilde bereitwillig, dass sie beide verwitwet und beide über 80 waren.
«Wissen sie er kommt seit 8 Jahren zu mir und geht bei mir ein und aus.» Sie zwinkerte mir dabei zu und ergänzte gleich:
«Eigentlich wollte ich keinen Mann mehr, aber Sie sehen ja, wir passen so gut zusammen.»
Kennengelernt hatten sie sich bei einer Beerdigung. Nun das klingt jetzt nicht so romantisch, aber irgendwie ist es das trotzdem. Oder?
Gleich haben Sie sich wunderbar verstanden und Herold gab zu: »Ich konnte nur diese schöne Frau ansehen und war gar nicht bei der Sache an diesem Tag.» Dabei strich er sich mit einer Hand die weisse vorwitzige Strähne aus dem Gesicht. In seinen Augen sah ich nicht nur Güte und Warmherzigkeit, sondern auch ganz viel Humor.
Und in diesem Augenblick wusste ich die Beiden passten wirklich gut zusammen.
Ein bisschen Liebe auf den ersten Blick? «Wozu noch warten?» meinte Clothilde »Wer weiss wie lange wir noch leben. Wir geniessen jede Stunde zusammen.» Zärtlich wie zur Bestätigung nahm Herold sie am Arm und führte seine Liebste die Treppen hinauf.
Zurück blieb der Duft ihres eleganten Parfüms, das mich irgendwie an vergangene Zeiten erinnerte und ein bisschen glaubte ich das Gefühl ihres Glücks in mir zu spüren.

Cristina Wunder